Vom Jungen zur Freiheit
Michel Feike

Meine Reise vom netten Muttersöhnchen zur männlichen Freiheit. Ein Kind der 90er, aufgewachsen in einem unsicheren Umfeld in einem kleinen Dorf am Alpenrand im konservativen Bayern. Chaotische Kindheit: emotionale Abhängigkeit, häusliche Gewalt, Sucht und Tod. Männliche Vorbilder? Nicht wirklich vorhanden. Zuflucht im Sport, in der Natur oder in mir selbst. Fußball, Angeln, Camping – purer Naturbursche. Meine Endstation? Niemals.
Unerwartet verstarb meine Mutter jung und hinterließ einen verunsicherten Jungen, der von nun an auf sich allein gestellt war. Ich errichtete eine Mauer um mich, verdrängte Emotionen, krempelte die Ärmel hoch, setzte eine Maske auf und kämpfte mich allein durchs Leben. Start the show. Tough guy und Bully. Traum? Eishockey-Profi.
Den Großteil meiner Jugend in Schlittschuhen und Panzerung auf Torjagd. Leistungssport, mein Anker. Übermotiviert stellte ich mein Können in den höchsten Nachwuchsligen und Auswahlmannschaften unter Beweis. Mein Traum greifbar nah, bis Partys und Frauen interessanter wurden. Mit gebrochenem Herzen suchte ich eine starke Schulter. Näherte mich meinem biologischen Vater. Ich gewann Vertrauen, ich akzeptierte ihn. Er verstarb. Tiefe Trauer, Verlassenheitsgefühl – same procedure. Mauer hoch, Ärmel hoch, Maske auf, Kompensation an.
Vom Traum zur Dauerschleife
Zwischen Schicksalsschlägen, geplatztem Traum, Berufsausbildung und erster großen Liebe wurde klar: Ich will studieren. Zweiter Bildungsweg, Studentenleben und plötzlich gefangen im Alman-Hamsterrad als engagierter Software-Ingenieur. Horizont: 9-to-5-Job, Sparen, Sparen, Sparen, Sicherheit bis zur Unnahbarkeit. Karriereleiter hochklettern, Geld verdienen, Zukunft absichern.
Meine langjährige Beziehung ging den Bach hinunter. Die Eier, sie zu beenden, hatte ich nicht. Meine Ex übernahm das – und stellte mir wenig später ihren neuen Freund vor. Kompensation: Sex, Drogen, Partys. Same procedure. Typisch Berlin. Kater von der letzten Party und Scrum-Board fraßen die Tage. Zwischen Objekterkennung und Time-of-Flight-Sensoren der Fokus auf Kompensation im Außen. Risiko? Lieber nicht – alles verlieren? Keine Ziele, kein Ausblick, kein Plan B.
Dauerschleife, bis eine Hurrikan-Romanze mir den Boden wegriß und meine Schatten an die Oberfläche spülte. Abgrund offen. Mauern brachen ein. Die Masken fielen. Ich lag in der Scheiße. Ohne Selbstwert. Raus da. Aufräumen.
Der Bruch – Alarmstufe Rot
Alkohol, Drogen, Nikotin – ab sofort Vergangenheit. Schweiß und Bücher statt Berghain. Lesen: Psychologie, Philosophie, Persönlichkeitsentwicklung. Konstruktive Gewohnheiten aufbauen, falsche Freundschaften beenden, Psychotherapie. Aufräumen.
Der Scheißhaufen wuchs – Traumas zu lange verdrängt, vor mir weggerannt. Autopilot. Mit Stift in der einen Hand, Gi in der anderen, putzte ich die stinkende, zähe Masse heraus. Frühjahrsputz im System. Langsam nährt sich das Murmeltier. Geduld war noch nie meine Stärke. Weinen, Lachen, Schreiben, Kämpfen. Sonnen- und Schattenstunden der Vergangenheit stellen. Brücken abreißen, Lügenberg und Sündenhaufen konfrontieren. Die Trigger nahmen kein Ende. Es spielte keine Rolle, wo ich war – sie waren überall. Meine Amygdala rund um die Uhr im Ausnahmezustand.
Menschlicher Tiefgang entsteht im Schweiß, nicht im Gerede. Kampfsport kam ins Spiel: Muay Thai, Schläge einstecken. Jiu-Jitsu, Ruhe bewahren. Die Amygdala flippt aus, wenn du gechoked wirst – aber danach? Klarheit pur. Flow. Kampfsport lehrt Disziplin, Loyalität und Respekt – kein Platz für Egos. Niederlagen schlucken, Matten küssen, durchatmen und weiter.
Die Erde – calma
calma ist Bodenarbeit. Stressoren eliminieren, Nervensystem runterfahren. Durchatmen, Sorgen im Hier und Jetzt vergessen. Der Großhirnrinde den Sticker ziehen. Körper, Geist und Seele reinigen. Wie? Natur, Meditation, Körperarbeit, Kunst. Fokus und Flow finden. Achtsamer leben. Innere Stärke, Frieden und Entspannung stellen sich ein. Emotionen kommen heraus. Raum zur Selbstreflexion entsteht.
Langsam eine Ahnung, wie ich meine Identitätsfrage knacke. Aber etwas fehlte noch. calma gibt den Fels in der Brandung – doch ohne Feuerwerk bleibt man stehen, man wird krank – der stille Tod.
Das Feuer – chaos
Die Zeilen eines Buches sprachen mir aus meiner Seele. “Trust Chaos”. Pure Resonanz. Ein Weckruf. Ein Geistesblitz. Sie erschütterten mein System.
Übernehme Verantwortung und katapultiere dich aus deiner Komfortzone. Niemand wird kommen und dich retten. Stell dich deinen Emotionen. Lass sie raus. Angst, Scham, Aggression, Ekel, Wut, Trauer – das, wovor du schon immer davonläufst. Begebe dich in unangenehme Situationen. Echte Erfahrungen. Suche sie und meistere sie. Risiko. Abenteuer. Herausforderungen. Überwinde deine Schmerzen. Sprenge Grenzen in Extremsituationen. Rein ins Adrenalin. Das unangenehme Unbekannte des realen Lebens.
calma gab mir Ruhe und Halt. Was mir fehlte, war das Feuer. chaos.
Die Freiheit – calaos
Ich reise um die Welt und führe ein minimalistisches Leben. Kein Hamsterrad, keine Masken mehr. Neue Perspektiven jenseits des sicheren Umfelds. Freude finde ich in der Einfachheit – Schönheit unseres Planeten, Geschmack des Essens, Begegnungen mit neuen Menschen. Ob Jungle, Gletscher, Wüste oder Großstadt. Etwas bleibt gleich: Meditation, Kampf- und Kraftsport, Bodywork und Lesen. Erdung.
Das Magazin ist gefüllt mit der nächsten Expedition, dem nächsten Experiment oder der nächsten Herausforderung. Ohne echte Erfahrung im realen Leben keine Entwicklung. Schritt für Schritt befreie ich mich so weiter aus meinem Gefängnis. Mein Leid: Dämonen, die ich selbst heraufbeschworen habe. Schlage mir den Weg durch meine Fesseln. Schritt für Schritt verlasse ich mein Kokon und fange an mein Leben zu leben. Fliegen.
Die Spannung zwischen calma und chaos formt meine wahre, authentische Identität. Leicht. Frei. Minimalistisch. Nachhaltig. Gesund. Meine Gedanken, Emotionen und Lektionen lass ich auf dem Papier fließen. Dokumentiere meinen Weg, meine Erfahrungen und Werkzeuge öffentlich. Nicht weil ich Antworten habe. Sondern weil ich glaube, dass manche Antworten erst entstehen, wenn man aufhört, nur darüber nachzudenken.
Ein Brief aus calaos.
Ehrliche Gedanken, echte Emotionen und Abenteuer. Für Menschen, die glauben, dass manche Antworten erst entstehen, wenn man losgeht.