Schwerelos ins Nichts

Michel Feike

Eine Gruppe von Felsen, die in der Luft schweben
Eine Gruppe von Felsen, die in der Luft schwebenFoto: D koi
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Alles begann mit einem kurzen Blick auf meine Calma-Liste. Floating – klingt nach Poolparty für Introspektive. Einen Anruf später stehe ich, ausgerüstet mit Adiletten, Handtuch und latent gespannter Erwartung, vor einem Floating-Tank in Berlin.

Die Vorbereitung? Erstmal eiskalt duschen – nicht zum letzten Mal, dass ich heute meinen Kreislauf überrasche. Kälteschock und der berühmte „Pump-Effekt“ bringen Endorphine und Dopamin auf Touren, so wie Arnold es lieben würde. Und dann: Abtauchen. Oder besser – Auftauchen in eine neue Erfahrungsdimension.

Einstieg ins Nichts: Die Kennenlernphase

Im Floating-Tank, in einer mit Bittersalz gesättigten Lösung (34,8–35,2°C), verschwindet mein Körpergefühl – weder warm noch kalt, einfach thermoneutral. Meine Haut? Spürt nichts. Grenzenlosigkeit stellt sich ein, als würden sich Körpergrenzen im Nichts auflösen. Für den Kopf zunächst ungewohnt, dann faszinierend entspannend.

Die komplette sensorische Derivation: Kein Licht. Kein Ton. Kein Widerstand. Nur der eigene Geist, der beginnt, seine Schleifen zu ziehen. Selbst meine Sneaker drücken ausnahmsweise nicht – ein Zeichen höchster Entlastung.

Verschmelzung von Körper und Geist

Mit der Zeit öffnet sich alles: Körper, Geist, Seele passen in eine Seifenblase. Muskeln werden entlastet, Verspannungen lösen sich. Studien bestätigen, dass Floatation-REST nachhaltig Muskelverspannungen und Schmerzen lindern kann. Die Theta-Wellen im Gehirn schwingen synchron zur vollendeten Entspannung, im besten Fall fast wie in tiefer Meditation oder nach einem epischen BJJ-Training.

Wo die Wahrnehmung der eigenen Körpergrenzen verschwindet, reduziert sich auch die Angst – neurophysiologisch messbar. Ich werde stiller Beobachter, treibe durch mein Innenleben. Rapkultur trifft Philosophie: Was, wenn nach dem Tod einfach ein Kinoabend kommt? Mein Leben als Blockbuster. Mit Überlänge, aber kaum Werbepausen.

Ozeanisches Gefühl: Einheit und Kreativität

Unterm Deckmantel der Dunkelheit kommt ein Gefühl auf, das Freud als „ozeanisch“ bezeichnete: Frieden, Verbundenheit, Geborgenheit. Die Gesichtsmuskeln zittern – lächeln von selbst. Blutdruck und Puls sinken. Studien zeigen, dass Floating den Blutdruck signifikant senken kann. Der Strom kreativer Gedanken reißt nicht ab, während Zugang zum Unterbewusstsein offener denn je scheint.

Plötzlich: ein Geistesblitz. Glück kommt aus dem Nichts – und das reicht. Fragt euch mal: Was macht euch wirklich zufrieden? Oft ist es weniger „Haben“, mehr „Sein“ (Fromm lässt grüßen).

Realitätsschock: Rückkehr in die Erdanziehung

Jeder Trip ist irgendwann vorbei. Nach rund 60 Minuten weckt mich die Welt sanft aus dem Winterschlaf. Die ersten Bewegungsversuche erinnern an eine auferstandene Mumie: unbeweglich, aber voller Vorfreude. Die Haut schimmert aalglatt, das Bittersalz hat Spuren hinterlassen – positiv! Nicht umsonst gilt Magnesium als echter Regenerationsbooster, praktisch für Jiu-Jitsu oder Muay Thai-Athleten.

Floating ist Detox mit Afterglow. Entgiftet Muskeln, balanciert den Feuchtigkeitshaushalt der Haut, sagt Akne und Co. den Kampf an. Nach aktuellen Metaanalysen wirkt Floatation-REST stärker als viele andere Entspannungstechniken, u.a. bei Stress und Depression.

Nachhall: Integration der Erfahrung

Danach tiefenentspannt, aber verschoben in Raum und Zeit. Ein Kräutertee, warmer Schoko-Pudding in den Beinen, schwebende Arme. Die Wirbel fühlen sich frisch geölt an. Eingehüllt in die Leichtigkeit einer Wolke gehe ich langsam zurück in die Außenwelt. Panoramablick U8 – sonst Stress pur, heute fast Zen-Meditation auf Rädern.

Später daheim: Hunger, Salat, Schlaf. Kein nächtliches Gedankenkarussell, keine Muskelkrämpfe. Selten so ausgeschlafen und energetisch in den Tag getanzt. Körper und Psyche wie aufgeladen – ein Flowzustand, der Tage anhält.

Ob Leistungsathlet, Globetrotter, Kampfsportler: Floaten kann euch helfen, ehrlicher mit euch selbst zu werden, Prioritäten zu hinterfragen und Geist wie Körper auf ein neues Level zu bringen. Loyalität, Respekt und Menschlichkeit – Tugenden, die im Alltag zu kurz kommen – finden hier ihr biologisches Pendant.

Floating ist kein Wellness-Hype, sondern ein echter Perspektivwechsel. Schwerelosigkeit entlastet Körper und Seele, schafft Raum für kreative und ehrliche Selbstreflexion. Mit dem nötigen Respekt kommt man zurück wie nach einer guten Reise – ein bisschen verändert, oft gelassener, manchmal neugierig auf mehr. Es bleibt die Einladung: Trau dich ins Nichts, begegne dir selbst. calma, Freunde.

Bleib schwerelos – im Geist, im Körper, vielleicht bald auch im Tank.

Ein Brief aus calma und chaos.

Ehrliche Gedanken, Abenteuer und Erfahrungen. Lektionen aus Niederlagen, Herausforderungen und Neuanfängen.