Zwischen Hundescheiße und Trommelmagazin

Michel Feike

Häuser aus Beton
Häuser aus BetonFoto: David Sidhom
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Manchmal reicht ein dummer Gedanke, und das Universum nimmt ihn ernst. Meiner: Ich will in einer Favela leben. Waffen, Gangs, Armut – der volle Kontrast zu allem, was ich kannte. Ich habe nicht lange gebraucht zu merken, dass so ein Wunsch einen Preis hat. Bezahlt in Cortisol, Trommelmagazinen und einer Lektion in Demut, die ich so nicht bestellt hatte.

Der Zufall, der zur Adresse wurde

Alles begann bei der Vorbereitung auf eine Muay-Thai-Session. Bandagen an, Mundschutz rein, los. Tage zuvor hatte ich im Gym von einem verrückten Gringo gehört, der angeblich in einer Community lebt. Plötzlich stand ein großer, kahlköpfiger älterer Weißer vor mir. Das ist er. Ohne lange zu überlegen suchte ich das Gespräch: Boxen, Jiu-Jitsu, Yoga, Meditation, Reisen. Das Eis war gebrochen. Gringos united.

Irgendwann erwähnte er, dass er seit zwanzig Jahren in Babilônia lebt, einer Favela im Bezirk Leme, und dass gerade eine Wohnung bei ihm leer steht. Ich riss die Augen auf. Jackpot. Dich habe ich gesucht. Wir verabredeten uns direkt nach dem Training auf einen Kaffee.

Körperlich am Ende, mental gedemütigt von den Schlägen der Profis, nuckelte ich an meinem Kaffee, während er erzählte: ehemaliger Model-Agent und Yogi aus Paris, hatte vor zehn Jahren dort ein Haus und eine Kunstgalerie gebaut. Die Galerie ist heute ein Jiu-Jitsu-Gym und Yoga-Studio – ein soziales Projekt für Gang-Mitglieder ohne Perspektive. Geleitet von einem Mann, dessen Tattoos und Narben mehr erzählten als jedes Gespräch. Sein Gesicht gezeichnet von Schmerz und schwarzer Tinte, seine Ausstrahlung klar, ruhig, aber irgendwie leer. Der Sport rettete sein Leben, sagte der Yogi. Das Projekt heile seine Seele vom schlechten Gewissen.

Ein Handschlag später saß ich auf seiner Maschine, unterwegs zur obligatorischen Wohnungsbesichtigung. Drei Etagen, die mittlere für die nächsten sechs Wochen frei. Mein Chaos-Ticket.

Die Geschichte des Bergs

Copacabana. Leme. Heimat von Babilônia und ihrer Nachbar-Favela Chapéu Mangueira. Gegründet Ende des 19. Jahrhunderts von Soldaten, die keine Lust hatten, jeden Tag verkatert einen Berg zu erklimmen, um ihren Beobachtungsposten zu erreichen. Sie bauten Hütten, eröffneten die erste Bar – und benannten ihr Dorf danach. Eine Gründungsgeschichte, brasilianischer geht kaum: aus Bequemlichkeit und Durst entsteht eine Gemeinschaft.

Der Aufstieg: Regen, Ziegel, Knochenarbeit

Ein grauer, verregneter Tag. Cariocas verlassen ihr Haus nicht, kein Grinsen weit und breit. Wer sich einen Euro leisten kann, nimmt den informellen Fahrdienst der Community den Hang hoch. Wer nicht, läuft. Alte, kranke, verletzte Menschen – jeden Tag. Man hilft sich gegenseitig, aber tragen kann hier niemand niemanden, dafür ist der Hang zu steil. Von Lebensmitteln über Möbel bis Baumaterial, alles auf dem Rücken. Für viele die einzige Einkommensquelle.

Ich kämpfte mich mit übersäuerten Oberschenkeln durch enge Gassen aus Hundescheiße und Müll. Wo zum Teufel bin ich? Ist das wirklich eine gute Idee? Der Geruch: eine Mischung aus Meerluft und saurer Hundescheiße.

Der Ausblick, der alles relativierte

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir das Haus. Er öffnet die Tür zur Wohnung. Aus 120 Metern Höhe: Felseninseln, Zuckerhut, Copacabana, der Atlantik bis zum Horizont. Mein System fährt in Standby. Kein Atem. Keine Gedanken. Glückshormone fluten durch meinen Körper. Ein Gefühl von Freiheit, das im Kontrast zum Weg dorthin fast surreal wirkte.

Minimalistisch eingerichtet, kein Luxus, kein unnötiger Kram. Ob aus der hellblauen Hängematte, dem leicht verschimmelten Bett oder dem olivgrünen Ledersessel mit Chrom-Gestell – ich genoss diesen Blick täglich. Musik im Ohr, Buch in der Hand oder einfach nur da sitzen. Mein Nervensystem fuhr runter. calma.

Nach etwa einer Woche liege ich wieder in der Hängematte und philosophiere: Was braucht man eigentlich, um glücklich zu sein? Meine ehrliche Antwort, aus einer privilegierten Gringo-Perspektive: Jiu-Jitsu, ein paar Bücher, ein Stift, Reis und Bohnen. Nicht mal der Tinnitus vom hochfrequenten Kühlschrank-Rauschen konnte daran etwas ändern.

Vier Jungs zum Frühstück

Der Spaß kippte irgendwann. Zweimal die Woche ging ich um 4:30 Uhr schwimmen, um meine Angst vor dem offenen Meer zu überwinden. Als ich durchgeschüttelt vom Wellengang nach Hause kam, saßen vor meiner Tür vier voll bewaffnete Jungs, Joint in der Hand. Zwei in Zivil mit Pistole, einer mit Walkie-Talkie und kugelsicherer Weste voller Handgranaten, der vierte komplett vermummt, nur die tiefen Augenringe sichtbar, dazu ein Kriegsgewehr mit Trommelmagazin.

Mein Körper schaltete sofort auf Alarm. Fuck. Was passiert hier? Ich bin am Arsch. Was mache ich jetzt? Herzrasen, Cortisol, deutscher Starrblick im Gesicht. Meine Angst machte auch sie nervös – sie kamen auf mich zu, fragten, ob ich hier wohne. Mit Kacka in der Hose kramte ich meine paar Brocken Portugiesisch raus: Ich wohne hier, komme vom Schwimmen. Der Schweiß läuft mir über die Stirn.

Einer kommandierte mich nervös die Treppen hoch, ich spürte etwas in meinem Rücken – Finger, Waffe, ich weiß es bis heute nicht. Hoffentlich lassen sie mich in Ruhe. Bitte, alles wird gut. Ich habe nichts Böses angestellt. Oben angekommen, zogen die Jungs weiter, aufs Dach. Ich, immer noch im Ausnahmezustand, tapste hinterher. Und dann: Sie lachten, machten Selfies. Die ganze Nummer entwickelte sich zu einem Spaß, mit meiner Angst als Kollateralschaden, um aufs Dach zu kommen und Fotos zu schießen.

Mein Körper brauchte eine Weile, um runterzukommen. Ausgerechnet Mr. Handgranaten zeigte mir, wie man tief durchatmet. Will der mich verarschen? Wir lachten, stellten uns vor, dann zogen sie weiter zur Arbeit. Es stellte sich heraus: Mein Zuhause lag direkt an einem ihrer Transportwege. Sie hatten Schmiere gestanden, bis ein möglicher Undercover-Cop im Jiu-Jitsu-Shirt mit Buzzcut auftauchte – ich.

Den Rest des Tages verarbeitete ich das Geschehene. Meine Nerven lagen blank, mein Nervensystem auf Hochtouren. Ich hatte Panik. Das Gefühl totaler Machtlosigkeit, mein Leben in der Hand dreier bekiffter Teenager, blieb hängen. Gleichzeitig war ich froh um diese Erfahrung. Irgendwie hatte ich sie gesucht.

Etwas änderte sich. Ich fing an, meine Umgebung ständig zu scannen. Die Gefahr lauert überall. Für die meisten hier: Alltag. Jederzeit kann eine scheinbar harmlose Situation eskalieren. Man spürt die Spannung in der Luft, hört die ungewohnte Stille. Bifurkationspunkt. chaos. Der Krieg zwischen Polizei und Gangs in Brasilien ist allgegenwärtig. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort steht, hat verloren. Zack.

Bier am Mirante

Zwei Wochen später, Rap-Contest, zu viele Menschen. Ich brauchte eine Pause und setzte mich an den Aussichtspunkt, den Mirante da Babilônia. Bier in der Hand, dann die Feststellung: Ich bin nicht allein. Gegenüber eine Handvoll Jungs mit Funkgeräten und Pistolen. Meine Amygdala erinnerte sich sofort an die letzte Begegnung dieser Art.

Der Boss rief mich zu sich, richtete freundlich seine Waffe auf mich – freundlich und Waffe, zwei Wörter, die vorher nie in einem Satz vorkamen. Oh nein, nicht schon wieder. Er sprach Portugiesisch, ich verstand nur Bahnhof, dann schrie er mich an, signalisierte mir: Hände hoch, T-Shirt hochziehen – er wollte sichergehen, dass ich unbewaffnet bin. Entspannt, aber nervös bewege ich mich auf ihn zu und zeige ihm meinen Bauch. Mein Nervensystem hatte sich daran gewöhnt. Habituation. Irgendwie absurd.

Offiziell herrscht Frieden zwischen Gangs und Polizei in Babilônia. Scheinbar mehr Schein als Sein, sonst hätte er nicht sichergehen müssen, dass ich kein Undercover-Cop bin. Er entschuldigte sich grinsend, wir tranken zusammen unser Bier, ich ging zurück und genoss die Ruhe nach dem Sturm.

Beide Situationen haben einen Eintrag in meiner Amygdala hinterlassen. Machtlosigkeit. Ohnmacht. Sie zeigten mir vor allem meine eigene Naivität. Sicherheit ist ein Privileg, das ich als Deutscher fast überallhin mitbringe – keine Vollkaskoversicherung, kein Papa Staat, nur Eigenverantwortung. Im Nachhinein bin ich dankbar für diese Erlebnisse. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker, klingt abgedroschen, stimmt aber trotzdem manchmal. Das ist das echte Leben. calma und chaos.

Was ich nicht sehen wollte

Tag und Nacht umzingelt von Armut. Links ein Lehmhaus, die Nachbarn lebten wie im Mittelalter. Rechts ein Surfer-Paar ohne Strom, gute Freunde meines Vermieters. Wir lernten uns am ersten Tag kennen, über Jiu-Jitsu entstand sofort eine Verbindung. Dass er mit seinem Schwarzgurt Geld verdiente, wusste ich anfangs nicht. Für mich ein potenzieller Freund, für ihn ein attraktiver Kunde. Gringo.

Von da an kamen regelmäßig Nachrichten mit Angeboten zum Rollen, Surfen, Wandern. Egal ob auf der Straße oder beim Konzert, das Gespräch lief immer gleich: gute Laune, Lachen, dann das Angebot. Sein Durchhaltevermögen war beeindruckend, mein Mitleid wuchs, bis er irgendwann aufgab. Eine Erfahrung, die sich wiederholte. Zwischenmenschliche Beziehungen können hier schnell von Offenheit zu Business kippen, vom menschlichen zum finanziellen Interesse. Ich fühlte mich ausgenutzt, konnte es ihm aber am Ende nicht verübeln – wer täglich ums Überleben kämpft und daneben sieht, wie andere im Überfluss leben, hat andere Prioritäten als Freundschaft im romantischen Sinne.

Mein Weg zum Strand führte an Familien vorbei, die auf engstem Raum lebten, direkt zum Hummer-Restaurant. Dazwischen: wenig. Dass die Müllsammler zusehen, wie neureiche Schnösel wie ich im Überfluss leben, ist hier normal. Diese tägliche Konfrontation fütterte mein schlechtes Gewissen, bis ich fast Brechreiz bekam. Ekelhaft.

Und trotzdem: Der Großteil der Menschen lief mit einem Grinsen durch die Straßen, das ich so nicht kannte. Selbstgebaute Drachen, Gemeinschaft, Samba, Capoeira. Depressiver Reichtum gegen glückliche Armut – das Paradoxon, das mich bis heute beschäftigt.

Meine Realität. Die Lösung.

Ein Blick in den Spiegel zeigte mir einen einsamen Gringo in einem Loft mit Meerblick. Kontostand, MacBook, iPhone änderten nichts an der Tatsache, dass ich mich die letzten Monate isoliert hatte. Den emotionalen Ballast rausgeworfen, dafür soziale Ängste und Kontrollzwang eingesammelt.

Antworten fand ich am Fuß der Community, im Carlson Gracie Leme. Jiu-Jitsu. Jeden Tag marschierte ich im Gi zum Training, den Gürtel im Rucksack versteckt, damit niemand wusste, dass ich Weißgurt war. Ego. Ein kurzer Halt beim Priester, der neben seinem Glauben und guter Laune auch Fußballtrikots vertreibt. Vorbei am dröhnenden Funk der Jungs vom Fahrdienst, öffne ich die Tür des Gyms.

Wer ist alles da? Alle. Männer, Frauen, Kinder. Arm, reich. Dick, dünn. Schwarz, weiß. Egal. Zur Begrüßung reicht man allen die Hand und verneigt sich, dem Gürtelsystem folgend. Das Level? Hoch. In keinem anderen Land habe ich so viele Schwarzgurte an einem Fleck gesehen.

Wir wärmen uns mit Rollen und Sprüngen auf. Soweit kein Problem. Man bekommt einen Partner zugewiesen, drillt für ein paar Runden. Null Erfahrung plus wenig Portugiesisch: maximale Überforderung. Was labert der? Check ich nicht. Zum Schluss steht Sparring an. Das Sparring in Brasilien? Tough. Der Überlebenskampf lässt mich am Ende jeder Session wie eine ausgepresste Orange fühlen. Glücklich. Entspannt. calma.

Überfahren nehme ich ein Bad im eigenen Schweiß, während die Kids auf die nächste Session warten. Sie trainieren bis zu drei Mal täglich, am Wochenende Wettkämpfe, ehrgeizig verfolgen sie ihren Traum vom Profi. Mein altes Spiegelbild. Sie pushten mich, wir drillten weiter und tauschten Englisch gegen Portugiesisch. Unser Vokabular und meine Grappling-Skills wuchsen gemeinsam. Die Gespräche flüssiger, die Bewegungen im Flow, mein Repertoire an Submissions größer. Langsam wurde ich besser und setzte mich gegen die anderen Weißgurte durch. Mein Selbstbewusstsein und meine Akzeptanz im Team wuchsen. Vom klassischen Touristen zum Mitglied. Wir wurden Freunde. Ich fühlte die Wärme und Geborgenheit einer kleinen Familie.

Lektionen.

Meine Zeit in Babilônia lehrte mir, im Chaos den Überblick zu behalten. Egal ob Maschinengewehr oder Jiu-Jitsu. Ruhe bewahren, Problem analysieren, Lösung finden. Kampfsport prägt mich: Disziplin, Ausdauer, Gemeinschaft. At least show up. Das Leben belohnt mich, egal wie viele Niederlagen ich schlucken muss. Egal ob in Rio de Janeiro oder auf Bali, Großstadt oder Provinz: Es verbindet Menschen, schafft Nähe.

Keine Aussicht der Welt, keine Auswahl im Hafermilch-Regal, kein Abenteuer kann echte Beziehungen zu Menschen ersetzen. Miteinander schaffen wir Großes, schützen uns gegenseitig, wachsen zusammen, überstehen Krisen, weinen und lachen. Wer die Fähigkeit hat, anderen etwas von sich zu geben, ist reich. Sicherheit ist ein Privileg. Angst ist imaginär. Gefahr ist real. Das hat mir Babilônia beigebracht, nicht irgendein Buch oder meine Haftpflichtversicherung.

Mein Leben war calaos: Maschinengewehre und Hängematte, Samba und Angst, Freude und Trauer – das pure Leben eben. Der Abschied stand vor der Tür, kurz und schmerzlos. Die Freude, ein Teil einer kleinen Familie gewesen zu sein, ein neues Zuhause gefunden zu haben, war größer als die Trauer zu gehen. Im Hinterkopf wusste ich genau, dass ich zurückkommen werde. Ich ging mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Ab und zu, wenn es draußen regnet, rieche ich für einen Moment wieder Meerluft und saure Hundescheiße. Seltsam genug: Ich vermisse es.

Ein Brief aus calaos.

Ehrliche Gedanken, echte Emotionen und Abenteuer. Für Menschen, die glauben, dass manche Antworten erst entstehen, wenn man losgeht.